Amerika hat die Wahl – und die Welt ist gebannte Zuschauerin
Die US-Zwischenwahlen (Midterms) vom 3. November 2026 sind weit mehr als ein innenpolitischer Stimmungstest. Sie entscheiden darüber, wie handlungsfähig Washington in den kommenden zwei Jahren sein wird – und damit auch über wichtige Rahmenbedingungen für Handel, Inflation, Zinsen, Währungen und Finanzmärkte. Das Economic Research der Migros Bank hat drei mögliche Wahlausgänge untersucht.
Eines ist sicher: Für die exportorientierte Schweiz sind die US-Zwischenwahlen keine politische Randnotiz, sondern ein wirtschaftlicher Faktor ersten Ranges. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat das Economic Research der Migros Bank die möglichen Ausgänge der Zwischenwahlen einer vertieften Analyse unterzogen.
Drei Krisen, eine Wahl
Die Ausgangslage ist aussergewöhnlich angespannt: Der Krieg mit Iran hat einen Energieschock ausgelöst, die Inflation wieder angeheizt und die Lebenshaltungskosten ins Zentrum der politischen Debatte gerückt. Gleichzeitig sind die Zustimmungswerte von Präsident Trump deutlich gefallen. Das erhöht den Druck auf die Republikaner – doch die institutionelle Ausgangslage bleibt komplex: Im Senat verteidigen die Republikaner zahlreiche umkämpfte Sitze, während die Demokraten im Repräsentantenhaus nur wenige Mandate für einen Machtwechsel benötigen.
Die Midterms finden damit in einem Umfeld statt, in dem geopolitische Risiken, hohe Energiepreise, fiskalische Sorgen und eine zunehmend polarisierte Gesellschaft zusammenwirken. Märkte reagieren bereits empfindlich auf jede Veränderung bei Inflation, Fed-Kommunikation, Treasury-Emissionen und Handelspolitik.
Drei Szenarien für Politik und Märkte
Unsere Analyse untersucht drei mögliche Wahlausgänge:
- Demokratischer Durchmarsch (rund 30 Prozent Wahrscheinlichkeit): Die Demokraten gewinnen beide Kammern.
- An der Börse könnten Sektoren wie Saubere Energie, Gesundheitswesen und Infrastruktur profitieren; fossile Energien und Finanzwerte gerieten eher unter Druck.
- Für den US-Dollar wäre zunächst Rückenwind denkbar. Die langfristigen Zinsen dürften auf erhöhtem Niveau bleiben, da sich auch bei einem demokratischen Kongress die angespannte Verschuldungssituation nicht entschärfen wird.
- Eine baldige Rückkehr zu einem Leitzinssenkungszyklus zeichnet sich auch bei einem demokratischen Kongress nicht ab, da die Inflation selbst bei einer sofortigen Beendigung des Iran-Kriegs noch für längere Zeit überschiessen dürfte.
- Beim Wirtschaftswachstum wird sich die Dynamikabschwächung auch im kommenden Jahr fortsetzen, das Wachstum aber vorerst auf einem soliden Niveau bleiben.
- Aus Schweizer Sicht könnte dieses Szenario bei der Handelspolitik eine gewisse Entspannung bringen: Ein demokratisch kontrollierter Kongress wäre ein Signal für eine teilweise Rückkehr zu multilateraler Zusammenarbeit und könnte Handelsspannungen tendenziell verringern. Die bestehenden US-Zölle würden allerdings nicht unmittelbar verschwinden. Immerhin würde sich das Risiko neuer und nicht nachvollziehbarer Zölle deutlich reduzieren, was die Planungssicherheit für Schweizer Unternehmen entsprechend erhöht. Die laufenden Verhandlungen zwischen der Schweiz und den USA über ein Handelsabkommen blieben zentral.
- Geteilter Kongress (rund 50 Prozent Wahrscheinlichkeit): Die Demokraten übernehmen das Repräsentantenhaus, die Republikaner behalten den Senat.
- Politischer Stillstand würde grössere Kurswechsel verhindern – ein Ergebnis, das die Aktienmärkte als «Goldilocks»-Szenario, als ideales Umfeld, begrüssen könnten.
- Technologie, Verteidigung und Biotech wären relative Gewinner; der Dollar dürfte sich stabilisieren.
- Das Risiko politischer Blockaden nähme deutlich zu, was sich auch im Wirtschaftswachstum spiegeln dürfte. Somit würde sich die Wachstumsabschwächung 2027 leicht beschleunigen, von einer Rezession wären die USA aber auch im nächsten Jahr noch weit entfernt.
- Ähnlich wie bei der Annahme eines demokratischen Durchmarschs in beiden Kammern wäre für Schweizer Unternehmen auch dieses Szenario vor allem von Kontinuität geprägt: Die US-Zölle blieben bestehen, weil der republikanische Senat eine Rücknahme blockieren würde. Gleichzeitig dürfte das demokratisch kontrollierte Repräsentantenhaus eine weitere Eskalation der Handelspolitik begrenzen.
- Republikanische Kontrolle (rund 20 Prozent Wahrscheinlichkeit): Die Republikaner halten beide Kammern.
- Energie, Finanzwerte, Industrie und Verteidigung erhielten politischen Rückenwind.
- Aufgrund der erhöhten Wahrscheinlichkeit eines noch länger fortgeführten Iran-Kriegs nähme auch das Risiko einer weiter steigenden und sich verfestigenden Inflation zu.
- Die stärker expansive Fiskalpolitik könnte das Wirtschaftswachstum zunächst stützen und im nächsten Jahr zu einer leichten Beschleunigung führen. Zwar ist auch bei den anderen Szenarien kein sichtlicher Wille zur Haushaltskonsolidierung zu erwarten. Die Ausgaben dürften aber bei einem republikanischen Kongress nur schon wegen der Militärausgaben deutlich höher ausfallen.
- Für die Schweiz wäre dies das Szenario mit dem grössten handelspolitischen Eskalationsrisiko: Eine vollständige republikanische Kontrolle des amerikanischen Parlaments könnte eine weitere Verschärfung der US-Zollpolitik ermöglichen, insbesondere gegenüber Asien. Für Schweizer Unternehmen würde dies mehr Unsicherheit bei globalen Lieferketten und Handelsströmen bedeuten.
Am wahrscheinlichsten ist ein geteilter Kongress: Kontinuität durch Blockade. Das klingt wenig inspirierend, könnte für die Aktienmärkte aber gerade der Reiz dieses Szenarios sein.
Der eigentliche Treiber bleibt die Geopolitik
Die Wahl allein erklärt jedoch nicht die Märkte. Entscheidend bleibt der Konflikt am Persischen Golf. Er hat Energiepreise, Inflationserwartungen und langfristige US-Renditen nach oben getrieben – mit Folgen weit über Amerika hinaus. Gleichzeitig dürfte die US-Zollpolitik in allen drei Szenarien restriktiv bleiben. Eine rasche Rückkehr zu einem freieren Welthandel ist kaum zu erwarten.
Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet dies: Die politische Kulisse kann Sektorrotationen an der Börse und kurzfristige Aktienmarktbewegungen auslösen. Die grossen makroökonomischen Fragen aber bleiben dieselben: Wie dauerhaft ist der Inflationsschub? Wie unabhängig bleibt die US-Notenbank Fed Wie tragfähig ist die US-Fiskalpolitik? Und wie weit eskaliert der Konflikt zwischen geopolitischen Interessen und wirtschaftlicher Vernunft?
Die vollständige Studie zeigt, welche Branchen in welchem Szenario profitieren oder verlieren könnten, wie sich US-Dollar und Zinsmärkte entwickeln dürften – und weshalb die Wahl zwar wichtig ist, der Energieschock aber der eigentliche Taktgeber des globalen Konjunkturzyklus bleibt.
(Foto: Keystone / AP / Alex Brandon)
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