Markteinschätzung

Konjunktur-Prognose: The Good, the Bad and the Ugly

Drei Männer, ein Friedhof, niemand weiss, wer zuerst zieht: Das Finale des Western-Epos «The Good, the Bad and the Ugly» ging in die Filmgeschichte ein.
Den Charakteren in Sergio Leones Klassiker könnten dabei unterschiedlicher nicht sein – und finden sich auch im aktuellen Makro-Geschehen wieder: Der unberechenbare Tuco ist die US-Zollpolitik – effektiv 15,8 Prozent, Höchststand seit den 1940ern. Der emotionslose Sentenza ist die Geografie: Frachtkosten über 126 Prozent höher, Umwege von zwei Wochen. Und der kühle Blondie schliesslich ist die Schweizer Inflation mit 0,4 Prozent – erkauft mit einem starken Franken, der die Exporteure trifft.
Im Film überlebt Blondi, weil er mehr wusste als die anderen. Auch wenn es nicht um Leben und Tod geht – einen Informationsvorsprung erhalten hoffentlich auch mit den neuesten Konjunkturprognosen der Migros Bank.

Publiziert
Lesedauer: 25 Minuten
In Kürze

Zwischen nervenaufreibender Spannung und Showdown

Konjunktur

Wer ist der Gute? Wer der Böse, wer der Hässliche?

Das globale Konjunkturgeschehen ist durch anhaltende Unwägbarkeiten geprägt. Inflation, Geopolitik und Stö-rungen bei den Schifffahrtswegen und der physischen Energieversorgung sorgen weiterhin für Gegenwind. Dieser fällt jedoch nicht überall gleich heftig aus.

Geldpolitik

Zentralbanken im Sommermodus

Im August finden keine Zentralbankensitzungen statt. Ein guter Zeitpunkt, um sich Gedanken über den geldpolitischen Kurs im Herbst zu machen. Trotz der über dem Ziel liegenden Inflation erachten wir das Zinserhöhungspotential der EZB und der Fed als begrenzt, während die SNB keine Änderungen vornehmen wird.

Zinsen

Bellende Wachhunde am US-Kapitalmarkt

Die Renditen der 10-jähringen Staatsanleihen im Ausland ziehen wieder an. Auch mit der (fragilen) Ent-spannung bleiben sie auf einem erhöhten Niveau aufgrund der Sorgen um die Konjunktur und den Zustand der Staatsfinanzen. Die Schweizer Kapitalmarktzinsen bleiben auf niedrigem Niveau.

Immobilien

Mittelfristiger Anstieg der Baumaterialpreise absehbar

Die Schweizer Bauwirtschaft steht vor einer Herausforderung, die an die ikonische Dreierkonfrontation aus«The Good, the Bad and the Ugly» erinnert. Auf der einen Seite die steigenden Baumaterialpreise, auf der anderen die geopolitischen Unsicherheiten und in der Mitte die Bauunternehmen, die versuchen, im Spannungsfeld zu manövrieren.

Neben den steigenden Materialkosten belasten auch Lieferengpässe die Bauwirtschaft. Die geopolitischen Spannungen und Krisensituationen in verschiedenen Teilen der Welt haben die globalen Lieferketten gestört. Verzögerungen bei der Materialbeschaffung führen zu Planungsunsicherheiten und erhöhen das Risiko unvorhergesehener Kosten. Diese Unsicherheiten wirken sich direkt auf die Attraktivität von Bauprojekten aus. Ein Umstand, der besonders herausfordernd ist, da der Wohnungsbau in der Schweiz zuletzt wieder an Dynamik gewonnen hatte. Die Aussicht auf höhere Baukosten und längere Projektlaufzeiten könnte diesen Aufschwung jedoch kurzfristig ausbremsen.

Die steigenden Baukosten stellen die Schweizer Bauwirtschaft vor Herausforderungen. Bereits heute sind Bauprojekte in urbanen Gebieten durch strenge Regulierungen, Auflagen und häufige Einsprachen belastet. Die zusätzlichen Kosten durch teurere Materialien und Lieferverzögerungen könnten den jüngsten Aufschwung im Wohnungsbau ins Stocken bringen. Dies wäre besonders problematisch, da der Schweizer Immobilienmarkt weiterhin von einem Nachfrageüberhang geprägt ist. Ein Rückgang der Bautätigkeit würde die ohnehin angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt zusätzlich verschärfen und zu weiter steigenden Mieten und Kaufpreisen führen.

Währungen

Schweizer Franken: Vom Sheriff zum Revolverhelden?

Der Schweizer Franken neigt zuletzt zu einer Abschwächung. Dies steigert seine Attraktivität als Finanzierungswäh-rung für Carry-Trades. Hierbei ist jedoch Vorsicht geboten. Das anhaltend unsichere Umfeld könnte zu einer un-günstigen Wechselkursentwicklung führen, welche Zinsdifferenzgewinne belasten.

Weil gleichzeitig der japanische Yen nach der massiven Intervention der Bank of Japan (siehe auch: Schwacher Yen: Ein Risiko auch für die USA - Migros Bank) seinen Nimbus als klassische Carry-Trade-Währung einzubüssen beginnt, rückt der Franken zunehmend in den Fokus als Finanzierungswährung. So rät beispielsweise Morgan Stanley mittlerweile dazu, Yen-Funding durch den Euro und eben auch durch den Franken zu ersetzen. Bei Emerging-Markets-Carry-Trades wird der Franken derweil bereits als Finanzierungsvehikel im grossen Stil genutzt.

Insofern vermögen auch die jüngsten Terrainverluste des Frankens nicht zu überraschen: Die Abschwächung ist kein Zufall, sondern ein Positionierungsphänomen. Daraus erwächst unserer Meinung aber auch ein reflexives Risiko. Denn kurze CHF-Positionen sind das Gegenstück zum Aufwertungsrisiko; jeder Geopolitik-Schock kann ein abruptes Unwinding auslösen. 

Aus diesem Grund raten wir gerade in einen anhaltend unsicheren Umfeld zur Vorsicht, wenn es um frankenfinanzierte Carry-Trades geht. Die weitere Entwicklung der geopolitischen Störfeuer – insbesondere in Nahost und bezüglich wichtiger Schifffahrtsrouten – ist nach wie vor ungewiss und mit erhöhten Eskalationsrisiken behaftet. Gleichzeitig hängen politische Risiken (Midterms) und zunehmende Verschuldungssorgen wie ein Damoklesschwert über dem US-Dollar. Und die schwierige Konjunkturlage, Verschuldungsproblematiken und strukturelle Probleme bergen einen latenten Abwertungsdruck für den Euro

Unserer Einschätzung nach werden diese Risiken an den Devisenmärkten derzeit unterschätzt. Entsprechend zurückhaltend bleiben wir demnach bei unseren Wechselkursprognosen. Für EUR/CHF erwarten wir in den nächsten drei Monaten eine leichte Abschwächung auf 0.93 und danach einen engen Seitwärtskanal bei diesem Niveau. USD/CHF dürfte sich zwar zwischen 0.81 und 0.82 seitwärts entwickeln, spürbare Volatilitätsausschläge sind jedoch aus den genannten Gründen nicht auszuschliessen.

Bei Carry-Trades mit dem Franken als Finanzierungswährung ist unseres Erachtens also Vorsicht geboten. Insbesondere wenn der Greenback oder der Euro als Zielwährung fungieren, können die Zinsdifferenzgewinne durch die Wechselkursentwicklungen zumindest geschmälert werden. Insofern ist dem neuen Revolverhelden mit einer gesunden Portion Skepsis zu begegnen.

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